Was ist eigentlich die Agenda 2030?

In knapp einem Monat schreiben wir das Jahr 2020. Ein neues Jahrzehnt steht uns bevor. In der nationalen und internationalen Politiklandschaft wird sich in der neuen Dekade wohl vieles an der sogenannten «Agenda 2030» orientieren. Der Begriff ist bereits seit längerem auch in den Medien immer wieder Thema. Aber was ist damit eigentlich gemeint? Wir haben uns mit Till Berger, Stellvertretender Sektionschef beim Bundesamt für Raumentwicklung ARE, zum Thema unterhalten.

Video-Transkript

Können Sie sich bitte kurz mit Namen und beruflicher Tätigkeit vorstellen.

Mein Name ist Till Berger, ich arbeite für das Bundesamt für Raumentwicklung. Dort bin ich für die Sektion «Nachhaltige Entwicklung» tätig. Ich beschäftige mich mit der Umsetzung der Agenda 2030.

In einem Satz: Was ist die Agenda 2030?

Das ist ein Zielrahmen der UNO, der zeigt, wo es mit unserer Welt eigentlich hingehen soll, sodass wir, die künftigen Generationen und alle Teile der Welt ein gutes- und würdevolles Leben führen können, das naturgeschützt ist. Es ist wie eine Art Weltverfassung.

Und die wurde festgelegt von wem?

Die wurde festgelegt von den 193 UNO-Staaten. Das war aber ein sehr partizipativer Prozess. NGOs, aber auch Wirtschaftsverbände und alle möglichen Akteure im politischen Spektrum – international, aber auch lokal – sind nach New York gereist und haben an der Formulierung dieses Zielrahmens mitgearbeitet. Das sind 169 Ziele, die in 17 SDGs (Sustainable Development Goals) zusammengefasst werden. Da haben sehr viele mit daran gearbeitet, das sieht man manchmal auch in den Formulierungen. Die sind teils ein wenig kompliziert und ein bisschen «langschweifig». Aber an dem erkennt man auch, dass es eine sehr gemeinschaftliche Sache war und dementsprechend auch breit getragen wurde. Das hat sich auch daran gezeigt, dass der erste Entwurf, der erarbeitet wurde, am 25. September 2015 eigentlich ohne Änderungen von den Staats- und Regierungschefs übernommen wurde.

Die 17 Sustainable Development Goals, die Teil der Agenda 2030 sind. (Bild: Deutsche UNESCO-Kommission)

«Die Flächen, die genutzt werden, wachsen und die Ansprüche der Menschen an die Flächen wachsen.»

Till Berger

Wie positioniert sich die Schweiz heute im internationalen Vergleich in Bezug auf die nachhaltige Entwicklung?

Die Schweiz ist schon immer ein sehr progressives Land gewesen in diesem Bereich. Die Schweiz hat im Inland sehr gute gesetzliche Grundlagen, um sich nachhaltig zu verhalten. Das haben auch die Bestandsaufnahmen gezeigt, die wir vom Bund aus durchgeführt haben. Wir haben geschaut: «Wo stehen wir gut?» und «Wo gibt es noch Handlungsbedarf für die Erreichung dieser Ziele?». Wir haben gesehen, dass wir in sehr vielen Bereichen, in denen andere Länder noch grosse Hausaufgaben haben, schon sehr gut unterwegs sind.

Es hat aber auch gezeigt, dass wir andere Bereiche haben, in denen wir vielleicht nicht so gut sind. Dort gehört eben zum Beispiel das Thema «Klima» dazu, die ganze Energietransition, aber auch unsere Landwirtschaft ist leider heute nicht nachhaltig – oder nicht nachhaltig genug. Auch das Thema der Gleichstellung von Frau und Mann ist eines, bei dem Handlungsbedarf besteht. Weiterer Handlungsbedarf besteht bei der Biodiversität, dort haben wir auch einiges an Herausforderungen, die wir bewältigen müssen. In der Schweiz sind wir [in Bezug auf Biodiversität] extrem unter Druck, aufgrund der Tatsache, dass die Schweiz wächst. Die Flächen, die genutzt werden, wachsen und die Ansprüche der Menschen an die Flächen wachsen. Das heisst, dass tendenziell immer weniger Land für die Natur übrig bleibt – und das merkt man.

Und in welchen Bereichen sind wir überdurchschnittlich gut?

Gut, jetzt habe ich ein wenig die negative Seite für die Biodiversität gewählt. Es gibt natürlich auch viele Gesetze, die im Umweltschutz sehr wichtig sind, auch für die Ressourcen, die wir täglich brauchen; also die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, der Boden, auf dem wir anbauen – das hat alles eine sehr hohe Qualität. Im internationalen Vergleich haben wir auch dort noch Herausforderungen und natürlich auch Grenzwertüberschreitungen, aber eigentlich muss man sagen: Die Schweiz ist ein Land, das, obwohl es so dicht ist, die Ressourcen eigentlich relativ gut geschützt hat. Obwohl wir relativ viel wirtschaftliche Aktivität haben, haben wir hier doch gute Luft, guten Boden.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich trotzdem Ressourcen, die stark unter Druck sind, wie zum Beispiel die biologische Diversität, die Artenvielfalt, aber auch die genetische Diversität. Wir haben also Bereiche, die gut sind und solche, die weniger gut sind.

Aber auch bei der Thematik der Rechtsstaatlichkeit ist die Schweiz natürlich vorbildlich. Wir haben extrem wenig Korruption, wir haben eine sehr hohe Investitionssicherheit, wir haben fast keine amtliche Willkür – das sind Dinge, in denen die Schweiz sehr vorbildlich ist.

«70% der Güter, die wir in der Schweiz verbrauchen, sind importiert.»

Till Berger

Für welche der 17 SDGs sehen Sie für die Schweiz im nächsten Jahrzehnt, also bis 2030, verstärkt Handlungsbedarf?

Natürlich im Bereich Biodiversität, im Bereich Klima. Und ich denke, ein wichtiger Hebel dafür, im Inland wie im Ausland, ist der Konsum. 70% der Güter, die wir in der Schweiz verbrauchen, sind importiert. Das heisst auch; 70% der Belastung ist im Ausland, sprich: Wir tragen auch Verantwortung für das Ausland, was wir aber auch wahrnehmen müssen – wir wollen ja keine «Nachhaltigkeitsverminderer» sein. Diesen Ruf haben wir nämlich, gemäss einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die uns auf Platz 1 der Spillover-Effekte gesetzt hat. Die Studie ist, meiner Meinung nach, nicht ganz zuverlässig, aber ungefähr stimmt sie schon, würde ich jetzt mal behaupten.

Zusammengefasst: sicher im Bereich der Mengen und der Qualität von dem, was wir konsumieren, um den Impact dieser Güter und Dienstleitungen zu reduzieren. Das ist sicher ein ganz wichtiger Punkt, den wir angehen müssen.

Jetzt sind wir hier ja an einer Hochschule. Die FH Graubünden ist gemäss ihrer Website für den Kanton vor allem in Verbindung mit den SDG-Nummern 4 (Hochwertige Bildung) und 8 (Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum) relevant. Mit Aussicht auf die Agenda 2030: Gibt es weitere Anforderungen an Hochschulen in der Schweiz? Sollten sie sich z.B. in gewissen SDG-Bereichen weiter verbessern, oder verstärkt handeln?

Das, was auf der Website steht, betrifft ja v.a. den regionalen Impact. Der betrifft mehr als nur das, was die Institution «Hochschule» macht. Die Institution ist wie ein Unternehmen, die einen direkten Impact auf die Menschen hat, die bei ihr angestellt sind und auf die Studierenden. Sie hat auch einen Impact auf den Ressourcenverbrauch des Unternehmens. Das sind alles Punkte, bei denen die FH in ihrem eigenen Bereich als Unternehmung ansetzen kann.

Wenn es jetzt darum geht, was für Ausstrahlungseffekte die FH Graubünden auf die lokale Wirtschaft hat, oder auf die Gesellschaft, dann denke ich, sind 4 und 8 sicher wichtige Punkte. Aber auch 12 (Verantwortungsvoller Konsum und Produktion) ist ein SDG, wo die FH stärker propagieren könnte. Sie könnte sicher in vielen Bereichen vorbildlich auftreten. Sie könnte sich auch Studiengängen annehmen und sich in Themen vertiefen, die in Bereichen der nachhaltigen Entwicklung sind, denen sie sich jetzt aber noch nicht direkt annimmt. Man könnte z.B. thematisch sagen: «Wir schauen jetzt das Thema der Überfischung der Meere an. Was hat die Schweiz hier für einen Beitrag?» Da hat sie [die FH Graubünden] relativ viel Potential, in Form von Studien, Bildung und Öffentlichkeitsarbeit hier einen Beitrag zu leisten.

Zum Schluss vielleicht noch eine etwas utopische Frage: Was wäre, wenn die Schweiz alle Ziele der Agenda 2030 planmässig umsetzen könnte? Wie würde unser Land aussehen?

Die Schweiz hätte keine fossilen Energien mehr, beispielsweise. Wir würden beinahe alles mit Strom oder mit alternativ produzierten Brenn- und Triebstoffen betreiben. Das heisst, dass unsere CO2-Bilanz natürlich viel besser wäre.

Das, was wir produzieren und das, was wir aus dem Ausland importieren, würde nach ganz bestimmten Richtlinien hergestellt werden, die der Nachhaltigkeit genügen. Der Ressourcenverbrauch wäre minimiert und man würde Wert darauf legen, dass die entsprechenden Produkte und Dienstleistungen soziale Kriterien einhalten, also dass z.B. keine Menschenrechte oder Arbeitsrechte verletzt werden. Das ist sicher etwas sehr wichtiges.

Wir hätten eine Bevölkerung, die sich der nachhaltigen Entwicklung bewusst ist, die bewusst lebt und einen Lifestyle hat, der die Gesundheit stärkt.

Wir hätten natürlich auch eine andere Kostenverteilung bei verschiedenen öffentlichen Dienstleistungen. Auch bei den Sozialwerken wäre natürlich einiges anders. Die stabile Finanzierungsgrundlage setzt voraus, dass Kosten und Einnahmen in einem guten Verhältnis sind. Also dort würde sicher einiges anders sein als es heute ist.

Wasser ist in der Schweiz im Moment noch kein kritisches Thema, auch wenn wir in einem Hitzesommer zu Wasserknappheit kommen – diese Fälle haben wir immer wieder gehabt in den letzten Jahren. Das ist in einer klimaerwärmten Welt ein sehr grosses Problem. Wenn wir aber diese Agenda 2030 rasch umsetzen, also diese Klimaziele erreichen, dann werden wir wahrscheinlich wie heute noch genug Wasser haben, gutes Wasser haben, die richtigen Temperaturen in den Flüssen, damit diese Tiere überleben können. Wir haben unsere Landschaft, wie wir sie jetzt haben, wir werden noch Gletscher haben, die bis Ende Jahrhundert bestehen bleiben. Das heisst, unser Landschaftsbild wird sich dann wahrscheinlich gar nicht ändern, was ja gut ist.

Beziehungsweise, was sich positiv ändern wird: Es wird mehr ökologische Schutzgebiete geben, man wird viel stärker einschränken, wo die anderen Nutzungsgebiete der Landschaft vielleicht einen negativen Impact haben, über Emissionen oder Zerschneidung von wertvollen Flächen. Also das heisst, Brücken zwischen ökologischen Schutzgebieten werden sicher ausgebaut usw. Das sind Dinge, die passieren müssen, wenn wir diese Ziele erreichen wollen.

Ich denke, dass der Zusammenhalt der Schweiz nur dann funktioniert, wenn alle auch Chancen haben. Wenn sie Teil haben können am gesellschaftlichen- und kulturellen Leben. Wir haben momentan Tendenzen, die sehr stark in die Richtung gehen, dass das immer schwieriger wird, dass wir immer mehr Herausforderungen haben. Und dafür müssen wir Rechnung tragen. Wir müssen wirklich schauen, dass nicht nur im Bildungsbereich die Chancengleichheit (SDG 10) gegeben ist. Für Menschen mit Mehrfachbenachteiligung ist es schwierig, auch auf dem zweiten Bildungsweg, an das Ziel zu kommen, wo man gerne hinmöchte.

Ich denke auch unsere städtische Infrastruktur wird sich anpassen werden müssen an mehr alternative Technologien, an Elektroautos, sozusagen mehr Elektrozapfsäulen oder Wasserstoffmobilität. Das heisst, wir werden nicht mehr Tankstellen haben, so wie wir sie jetzt kennen, sondern mehr verteilte Ladestationen. Das wäre jetzt ein ganz konkretes Beispiel im Bereich Städte und Infrastrukturen (SDG 11).

Was wir auch müssen, aber was wir halt nicht so sehen, ist die Sanierung der ganzen Abwasserinfrastruktur. Die sind bei uns relativ alt. Sie sind in fast allen Staaten sehr alt. Wir haben einen recht grossen Verlust an Abwasser, der ungereinigt versickert und das ist auch ein Thema, das lange nicht richtig angegangen worden ist. Also es gibt auch unsichtbare Dinge, die sich sehr stark verändern müssen.

In Bezug auch Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit und solche Themen wird sich, denke ich, nicht viel verändern. Da haben wir in der Schweiz bereits einen sehr guten Standard – sprich, dort ist der Handlungsbedarf eher gering.

Interview durchgeführt von Laura Hunold und Kyra Jetzer

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