Ist Oldtimer fahren nachhaltiger als ein Neuwagenkauf?

Bei der Anschaffung eines Autos stellt sich stets die Frage, ob es ein Neuwagen oder ein Occasion-Modell sein soll. Inzwischen wird dabei öfters auch auf die Umweltverträglichkeit geschaut. Die Autobauer sind auf den Zug aufgesprungen und preisen ihre Neuwagen in der Werbung als ökologischer als die Vorgängermodelle an.

Besitzer von älteren Autos, insbesondere von Oldtimern, müssen sich zunehmend rechtfertigen. Sie seien Umweltverschmutzer und würden sich nicht ums Klima scheren, hört man. Doch entspricht dies der Wahrheit? Sind vielleicht Oldtimer sogar nachhaltiger als Neuwagen?

Citroën Traction Avant 11 BL (1954)

Viele verschiedene Informationen im Internet

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Im Internet existieren zahlreiche Tests, Studien und Selbstversuche zum Thema. Sie alle kommen aber zu unterschiedlichen Schlüssen. Manche favorisieren klar Neuwagen, da diese sparsamer sind und klar weniger Co2 ausstossen. Zusätzlich ist die neuste Technik eingebaut und sie sind daher um einiges komfortabler ausgestattet als Oldtimer – nicht zuletzt in puncto Sicherheit.

Auf der anderen Seite wird mit Co2-Emissionen argumentiert, welche bei der Produktion eines Neuwagens anfallen. Diese sind beispielsweise bei Elektrofahrzeugen klar höher als bei Benzinautos, da für die Herstellung der Batterie viel Energie notwendig ist. VW rechnete beispielsweise aus, dass der E-Golf erst ab 200’000 gefahrenen Kilometern nachhaltiger ist, als ein herkömmlicher Verbrenner.

Der E-Golf von VW (2017)

Der Hauptgrund: die hohen Produktionsemissionen. Für die Herstellung der Batterien von Elektroautos werden seltene Materialien und giftige Substanzen benötigt, ein Höllencocktail für die Umwelt. Ausserdem ist ein Elektroauto nur so sauber wie die Energie, die es «tankt»: In der Schweiz ist Strom einiges ökologischer als in Deutschland, wo ein Grossteil der Energie von Braunkohlekraftwerken stammt.

Ökobilanz eines Einzelnen oder das „Big Picture“?

Die Betriebsdauer der Fahrzeuge ist also ein entscheidender Faktor bei der Nachhaltigkeit. Wird beispielsweise ein VW Käfer von 1951 bis heute gefahren, beträgt der gesamte C02-Ausstoss, inkl. Produktion 122 Tonnen (Berechnung durch Auto Bild Klassik). Wurden im gleichen Zeitraum 6 Neuwagen verschiedener Marken gefahren, wäre die CO2-Summe mit 173 Tonnen klar höher. Und genau hier liegt die Fragestellung. Spricht man von der persönlichen Ökobilanz eines einzelnen Fahrzeughalters oder will man das grössere Bild analysieren? Auch gibt es nicht den Oldtimer, wir sprechen hier von einer extrem heterogenen Masse mit unterschiedlichsten Verbrauchswerten und Verarbeitungsqualitäten.

Rücklicht eines Ford Mustangs (1970)

Oldtimer verfügen über wenig Technik. Im Vergleich zu modernen Autos bestehen sie aus wenigen Komponenten und sind bei Defekten einfacher zu reparieren. Bei modernen Autos können oft keine Einzelteile, sondern müssen ganze Module ersetzt werden. Hier wird die negative Seite der Technik sichtbar. Ob auch moderne Fahrzeuge in 30 oder 40 Jahren noch locker auf unseren Strassen fahren, kann zu Recht angezweifelt werden. Hingegen ist puncto Sicherheit nicht abzustreiten, dass bei modernen Fahrzeugen enorme Fortschritte gemacht wurden, beispielsweise bei der Beleuchtung, den Airbags, den Bremsen oder den vielen Assistenzsystemen.

Ist das Fahren eines Oldtimers nun ökologischer als der Kauf eines Neuwagens? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Das Abwägen von Sicherheit, Verbrauch und verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen gewichtet jeder anders.

von Olivier Chanson

Quellen:

https://www.adac.de/rund-ums-fahrzeug/autokatalog/marken-modelle/vw/golf/vii-facelift/266575/#Allgemein

https://www.freenet.de/auto/elektro-autos/vw-egolf-strom-im-golfpelz_5141510_5214248.html

Bilder alle von: www.zwischengas.com

2 thoughts on “Ist Oldtimer fahren nachhaltiger als ein Neuwagenkauf?

  1. Im Namen der Nachhaltigkeitskommission der FH Graubünden danke ich euch für diesen Beitrag. In der Komplexität der Nachhaltigkeit sehnen wir uns oft nach einfachen Antworten. Toll, dass ihr hier aufzeigt, dass es oft nicht eine simple Analyse ist und dass es viele verschiedene Aspekte gibt, um zu prüfen, ob etwas nachhaltig ist oder nicht. Herzliche Grüsse Livia

  2. Ein sehr wichtiger Beitrag, der die Komplexität der Debatte aufzeigt. Wenn wir immer nur vom persönlichen Verbrauch ausgehen und die graue Energie nicht berücksichtigen, kann dies auch zu einer für die Ressourcen schädlichen Konsumhaltung führen. Und dies dann bei „gutem Gewissen“. Ich bin ein grosser Freund, Produkte auch einmal ein wenig länger zu nutzen. Sei es das Auto, die Klamotten oder das Handy: Irgendwann wird das Alte eh wieder trendig 🙂

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