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Jedes Abfallstück erzählt eine Geschichte

Er ist ein leidenschaftlicher Sammler. Ernesto Suter aus Neuhausen am Rheinfall (SH) sammelt Gegenstände, die andere in den Müll werfen. Mit diesem Material hat er ein neues Zuhause gebaut. Ein Besuch im Recycling-Haus. 

Das mehrstöckige Zweifamilienhaus fällt auf im Quartier und passt optisch nicht ganz in die Umgebung. Das Haus von Ernesto Suter (79) hat andere Formen und Farben. Alte Ziegelsteine verkleiden die Fassade. Für den geschwungenen Holzaufbau liess er von einem Zimmermann lange Tannenstämme biegen. Die bodenlangen Fenster sind verziert mit blauen Sektflaschen und dienen gleichzeitig als Fenstergeländer. Jede Seite des Hauses sieht anders aus. 

Vor dem Bau seines Lebenswerks war Suter über 35 Jahre als Chemineébauer tätig und hat als Handwerker mehrere Häuser umgebaut. Mit seinen Erfahrungen konnte er die Pläne für sein Recycling-Haus selbst skizzieren. Für den Feinschliff und die Umsetzung hat er jedoch Profis engagiert. Als Bauherr hat Suter selbst die zweijährige Bauzeit vor Ort begleitet und mitgeholfen. Ständig sind wieder neue Ideen eingeflossen. Denn jeder neu gesammelte Gegenstand hat seinen Beitrag zur Form des Hauses beigetragen und Suter immer wieder neu inspiriert.

Es ist auch ein bisschen ein Zwang, dass ich nichts wegschmeissen kann.

Eine Kirchenwand im Wohnzimmer
Ernesto Suter geht nie an einer Mulde oder einem Abfalleimer vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Was die Gesellschaft oft als veraltet oder verbraucht empfindet, sieht er als neue Herausforderung. «Es ist auch ein bisschen ein Zwang, all diese Gegenstände zu sammeln und daraus etwas Neues und Schönes entstehen zu lassen», sagt Suter. So kommt es, dass er die Zimmertüren seines Recycling-Hauses aus alten Kantinentischen baute, die Holzverkleidung an der Wohnzimmerwand stammt von einer alten Kirche und die Treppengeländer sind aus Alteisen. In seinem Atelier hat er die Wände mit Landkarten und alten Schulpulten verziert. Nichts am Haus ist neu, alles wurde wiederverwendet.

Jedes Abfallstück am und im Haus erzählt eine Geschichte: «Die Backsteine unter dem Wohnzimmerfenster habe ich aus einer Mulde gefischt. Sie wurden beim Umbau eines Altersheims weggeschmissen», so Suter. «Die Steine sind über 800 Jahre alt und stammen von einem alten Schaffhauser Kloster.» Warum es jedoch Handabdrücke auf den Backsteinen gibt und was diese bedeuten, weiss er nicht.

Kanton und Gemeinde wollten Bau verhindern
Und was war die grösste Herausforderung am ganzen Projekt? «Die Baubewilligung», antwortet Suter. Über vier Jahre musste er darauf warten. Aber nicht etwa die Nachbarn haben es ihm schwer gemacht. Gemeinde und Kanton wollten den Bau erst mit allen Mitteln verhindern. «Sie waren dann aber auch die Ersten, die das Haus besichtigen wollten», erinnert sich Suter.

Das lange Warten hat sich gelohnt. In der Zwischenzeit hat er einige neue Gegenstände gesammelt und Ideen ausgetüftelt. Dabei war auch immer etwas Glück mit im Spiel. Auf einem seiner Streifzüge kam Suter an einer Reihe Häuser vorbei, bei denen die Flachdächer erneuert wurden. Er sprach die Bauarbeiter an und als Belohnung erhielt er so viele alte Styroporplatten, dass er daraus das ganze Haus isolieren konnte.

In die Badewanne hat Suter eine alte Pflastermulde eingebaut.

Eine Mauer aus alten Einkaufswagen
Das Haus erfüllt den Minergie-Standard. Eine Wärmesonde heizt das Haus, eine Komfort-Lüftung sorgt für frische Luft und das Wasser für die Toilette, die Waschmaschine und die Gartenbewässerung ist Quellwasser, das in einem Kiesbett unter dem Haus gesammelt und hochgepumpt wird. 

Ernesto Suter wohnt mit seiner Frau mittlerweile über zehn Jahre im Recycling-Haus. In einer Ecke im Garten sammeln sich schon wieder neue Gegenstände, die er gesammelt hat. «Ich will alte Einkaufswagen mit Steinen füllen. Daraus soll eine Mauer auf der Vorderseite des Hauses entstehen», erklärt Suter.  

Die Geschichte weiterleben lassen
Das Haus verdankt Ernesto Suter nicht nur seinem handwerklichen Geschick und seiner Sammellust, auch seiner ökologischen Grundeinstellung: Nicht alles wegwerfen, sondern zuerst überlegen, wofür man es noch brauchen kann. Dazu gehört auch immer mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und sich von der Natur inspirieren zu lassen. Suter weiss viel zu erzählen. Jeder Balken, jeder Stein und jede Schraube hat eine eigene Geschichte. Er hofft, dass die nächsten Bewohner die Geschichte des Hauses wertschätzen und sie nicht in Vergessenheit gerät. 

von Sarah Keller

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