nachhaltig und Wachstum: Es ist kompliziert

Wir leben in einer Gesellschaft des Wachstums. Höher, schneller, weiter, besser. Unternehmen optimieren ihren Profit, wir unseren Alltag. Mehr verdienen, mehr konsumieren, mehr investieren.

Sozialpsychologe Harald Welzer bezeichnet dieses Phänomen als «Zivilreligion des Wachstums».

«Das kommt erst in die Welt, wo sich Industrialisierung zu vollziehen beginnt. Und wo sich so etwas heraus zu kristallisieren beginnt, wie unser Lebenslauf, mit der Vorstellung, dass man halt auf die Welt kommt, bestimmte Entwicklungsmöglichkeiten hat, die dann entfaltbar sind, dass man etwas aus sich machen kann. Aber auch etwas aus sich machen muss. Der Gedanke des Wachsens, des Über-Sich-Hinaus-Wachsens, der wird dort sukzessive angelegt und entwickelt.»

Die Ursprünge dieser Entwicklung sieht Welzer im Zeitalter der Industrialisierung. Mit der Verbesserung der Herstellungsprozesse geschah, so Welzer, auch ein Wandel in den Köpfen der Menschen. Für den «ökonomischen Menschen» ist es selbstverständlich geworden, dass er «in einem fest gefügten Universum von Prüfungen, Bilanzierungen und Rechenschaften seine eigenen Entwicklungsfortschritte nach innen und außen zu rechtfertigen hat.»

Bildungsabschlüsse, Karriereentscheidungen, sie alle sollen einem Ziel folgen, einen Output haben. Diese Steigerung unserer Produktivität ermöglicht einen gewissen Lebensstandard, Ausgaben für Konsumgüter stimulieren die Wirtschaft und spülen Geld in die öffentlichen und privaten Kassen.

Geld, das für Bildung, sozialen Ausgleich oder mehr Umweltschutz eingesetzt werden kann. Auch Unternehmen sind bestrebt, jedes Jahr mehr Umsatz zu generieren, zu wachsen. Dieser Trend, hin zu mehr Wachstum, lässt sich auch auf internationaler Ebene beobachten. Nicht zuletzt wird der Wohlstand eines Landes an seinem Bruttoinlandprodukt gemessen. Dagegen regt sich Widerstand. Denn: Das BIP misst nicht wie es den Menschen geht. Ein beliebtes Beispiel dafür ist jenes der Autounfälle. Wenn besonders viele Autounfälle geschehen, führt das zu einer Steigerung des BIP, denn die verunfallten Autos müssen alle in die Reparatur, was Einnahmen zur Folge hat. Trotzdem ist es offensichtlich nicht wünschenswert, dass viele Autounfälle geschehen.

Auch misst das BIP zum Beispiel keine Umweltschäden. Wenn ein Bauer besonders viel Glyphosat streut, steigert er damit seine Ernte und das BIP steigt. Die entstandenen Schäden an der Umwelt werden aber im BIP nicht gemessen. Trotzdem gilt das BIP immer noch als Massstab für Wohlstand, Konjunktur wird jubelnd gefeiert. Wirtschaftswachstum ist für viele immer noch Synonym für Wohlstand.

Wachstum braucht immer auch Ressourcen

Dieses Streben nach Wachstum hat aber auch Konsequenzen. Denn: wirtschaftliches Wachstum benötigt immer Ressourcen. Der «Earth Over Shoot Day» markiert den Tag, an dem alle ökologischen Ressourcen, die innerhalb eines Jahres regeneriert werden können, aufgebracht sind. Fiel er im Jahr 1990 noch auf den 7. Dezember, überquerten wir diese Messlatte im letzten Jahr bereits am 19. Juli. Laut dem Global Foot Print Network bräuchten wir rund 1.75 Erden, um unseren Bedarf zu decken. Unsere Ressourcen sind also nicht nur begrenzt, sondern wir leben klar über diese Begrenzungen hinaus.  

Das spiegelt sich auch in aktuellen Zahlen wider. Als die Vereinigten Nationen letztes Jahr einen Bericht über die im Jahr 2015 verfassten nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) veröffentlicht, fällt das Fazit nüchtern aus.

Keiner der 193 Mitgliedsstaaten ist auf dem Weg, die 17 Ziele zu erreichen. Selbst die führenden Staaten erfüllen die angesetzten Ziele bei Weitem nicht. Grosse Lücken bestehen vor allem in den Bereichen Klimaschutz und Biodiversität. Auch an anderen Fronten scheinen die aktuellen Massnahmen nicht zu funktionieren. Die im Pariser Klimaabkommen festgelegte Temperaturreduktion von 1.5°C  gegenüber dem vorindustriellen Niveau scheint immer unrealistischer. Aktuelle Zahlen rechnen mit einer Temperaturerhöhung von 4 bis 6 Grad in diesem Jahrhundert.

Es passiert also viel zu wenig. Das könnte mit unserem Verständnis von Nachhaltigkeit zusammenhängen. Von einfachen Bürgern, bis hin zu Politikern und börsendotierten Unternehmen: Alle wollen nachhaltig sein. Und das am liebsten, ohne gross etwas zu verändern. Im Zuge des oben erwähnten Berichtes der UN wurden die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele bei einigen Mitgliedsstaaten untersucht. Von 43 beobachteten Nationen erwähnten 33 die Nachhaltigkeitsziele in offiziellen Statements. Nur bei 18 davon fanden sich die SDGs dann aber in der Finanzplanung der Staaten wieder. Es scheint, als wäre vor allem das Sprechen über Nachhaltigkeit «easy», die Umsetzung aber deutlich komplizierter. Die Vermutung liegt nahe, dass für echte Nachhaltigkeit vielleicht tiefergreifende Änderungen nötig wären. Vielleicht sogar eine Abkehr von unserer «Zivilreligion des Wachstums»

Ein Bild, das Screenshot enthält.

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Quelle&Visualisierung: IEA: Redrawing The Energy Climate

Im Optimalfall wäre erhöhte Produktion möglich, ohne zusätzlichen Druck auf die Umwelt zu verursachen. Dieses Vorhaben nennt man «Decoupling», das Entkoppeln der Wirtschaftsleistung von der Umweltbelastung.

Konkret würde im Falle einer erfolgreichen Entkopplung die Wirtschaft weiterhin wachsen, das Bruttoinlandprodukt steigen, ohne dass unsere Umwelt zusätzlich belastet würde. Ob ein solches Entkoppeln längerfristig möglich ist, ist jedoch stark umstritten. Ansätze zur Entkopplung wie gesteigerte Effizienz in der Produktion oder Investitionen in erneuerbare Energien, können zwar den Zusammenhang zwischen Umweltbelastung und wirtschaftlicher Produktivität mindern, – man spricht hier von relativer Entkopplung – aber vermutlich nicht ganz aufheben.

Weniger Wachstum als Lösung

Da immer mehr darauf hindeutet, dass «Green Growth» nicht so einfach möglich ist, fordern unterschiedliche Parteien einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Einer davon ist Nico Paeth, Professor für Umwelt und Produktion an der Universität Oldenburg. Unter Ökonomen gilt er als Aussenseiter, denn er fordert seit Längerem eine Verkleinerung der Wirtschaft.

«Eine Gesellschaft, die die Ökowende geschafft hat, in der also jede Person im Jahr nicht mehr als 2,7 Tonnen CO2 verursacht, eine solche Gesellschaft kann nicht dasselbe Bruttosozialprodukt haben wie die BRD oder Japan oder die USA. Sondern das muss eine wirklich verkleinerte Ökonomie sein, die dann die Basis der Versorgung bildet. Mein Tipp ist, über eine 50-prozentige Verringerung der Industrie nachzudenken.»

In einer Verringerung der Wirtschaftsleistung sieht er die einzige Option, die aktuellen Klimaziele zu erreichen. Mit seiner Forderung ist er nicht alleine. Als kleine Bewegung angefangen, hat eine Theorie mit den Namen «Degrowth» mittlerweile den Weg in den Mainstream gefunden. Ein wichtiger Denker der Bewegung, Ökonom Giorgos Kallis, schreibt in seinem Manifest «Degrowth»:

“There is no way to both have your cake and eat it, here. If humanity is not to destroy the planet’s life support systems, the global economy should slow down.” 

Auf der europäischen Seite degrowth.info findet sich folgende Definiton:

«Unter Degrowth oder Postwachstum verstehen wir eine Wirtschaftsweise und Gesellschaftsform, die das Wohlergehen aller zum Ziel hat und die ökologischen Lebensgrundlagen erhält. Dafür ist eine grundlegende Veränderung unserer Lebenswelt und ein umfassender kultureller Wandel notwendig.
Das aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Leitprinzip lautet „höher, schneller, weiter“ – es bedingt und befördert eine Konkurrenz zwischen allen Menschen. Dies führt zum einen zu Beschleunigung, Überforderung und Ausgrenzung.»

Vertreter der Postwachstums-Bewegung wollen, ähnlich wie Nico Paeth, die aktuelle Entwicklung hin zu einer stetig wachsenden Wirtschaft bremsen. Dies würde effektiv eine Verringerung des Bruttoinlandprodukts bedeuten. Die Bewegung ist nicht nur rein wirtschaftlicher Natur, so haben ihre Forderungen auch soziale und politische Dimensionen. In letzter Zeit wurden auch zunehmend Forderungen für ein bedingungsloses Grundeinkommen und einer staatlichen Job-Garantie laut.

Kritiker behaupten, dass eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums zu höherer Arbeitslosigkeit, steigenden Armutsquoten und vermehrter Ungleichheit führen würde. Auf diese Vorwürfe gibt es wenige gute Gegenargument. In der Tat gibt es wenige Beispiele von schrumpfenden Wirtschaften, die nicht viele Menschen in die Armut rissen. Um soziale Gerechtigkeit auch bei einer verkleinerten Wirtschaft zu gewährleisten, müsste eine Umverteilung geschehen. Hier ist dann der Übergang zur Kapitalismuskritik fliessend. Viele Postwachstums-Befürworter halten eine solche Umverteilung in einem kapitalistischen System nämlich für gar nicht möglich.

Was können wir also tun?

Ob “Degrowth” oder ähnliche Ansätze zu mehr als nur Zukunftsvisionen heranwachsen könnten, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

Deutlich ist aber, dass ein Zusammenhang zwischen Wachstum und nachhaltiger Entwicklung besteht. Darum sollen Themen wie Reduktion und Verzicht Teil des Diskurses werden. Selbstgelebte Nachhaltigkeit, wie sie auf diesem Blog Platz findet, ist wichtig. Ein jeder von uns kann sich im Kleinen fragen, inwiefern persönlicher Konsum, Wachstum des eigenen Fussbadruckes gerechtfertigt ist. Als Individuen uns als Gesellschaft müssen wir uns aber auch getrauen, grössere Fragen zu stellen:

Wie viel Wachstum brauchen wir? Wie wichtig ist uns wirtschaftliches Wachstum?Wie können wir Ressourcen besser einsetzen, besser verteilen?

So soll es Aufgabe unserer Politker*innen sein, solche systemische Aspekte kritisch zu beleuchten und den Status Quo nicht zwingend als solchen zu akzeptieren. Nicht zuletzt sind wir auf internationale Kontrollinstanzen angewiesen, damit Versprechen für eine bessere Zukunft auch wirklich Taten folgen.

 «People are suffering. People are dying. Entire ecosystems are collapsing. We are in the beginning of a mass extinction, and all you can talk about is money and fairy tales of eternal economic growth. How dare you! »
— Greta Thunberg, am UN-Klimagipfel, 23. September 2019

Die Zitate von Harald Welzer und Nico Raeth stammen aus diesem Artikel von Deutschlandfunk.

Ein Text von Linus Küng

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