Granny Talk – Eine Generation packt aus

«Früher war alles besser.» Wie oft hast du den Satz in deinem Leben schon gehört?
Oft genug, wahrscheinlich. Doch war früher wirklich alles besser?
Hierfür haben wir für dich bei Marianne F. nachgefragt: Im «Granny Talk», eine Generation packt über das nachhaltige Leben aus früheren Zeiten aus. Was bedeutete Nachhaltigkeit, in einer Zeit vor unserer Zeit? Und was können wir aus dieser Zeit mitnehmen?

Für das Interview «Granny Talk» stellte sich Marianne F., geboren 1937, aus Balzers, Fürstentum Liechtenstein, zur Verfügung.
Nein, Liechtenstein war nicht immer so, wie wir es heute kennen. Vor ca. 50 Jahren war es ein einfacher, kleiner Bauernstaat. In den letzten 100 Jahren hat sich einiges getan.

Balzers früher (ca. 1905) und heute (2020)
Balzers früher (ca. 1905) und heute (2020)

Doch wie war es damals mit der Nachhaltigkeit?

Auf die Frage, ob und wie sie früher nachhaltig gelebt hat, muss Marianne lachen. «Früher war alles Bio». Es gab die Begriffe Nachhaltigkeit, Bio und Umweltschutz in diesem Sinne vielleicht noch nicht, sie wurden einfach gelebt.

«Es gab keine Plastiktüten, einkaufen ging man in kleinen Dorfläden, aber auch nur für spezielle Sachen wie Kaffee, Kakao, Reis, Zucker und Salz. Wir waren einfache Bauern, hatten unsere Felder, die wir bewirtschafteten. Pestizide gab es damals nicht. Gemüse wurde selbst angebaut, Käse und Butter selbst hergestellt – wir waren Selbstversorger.»

Von links nach rechts: Vater und Bruder von Marianne F. bei der Arbeit, ca. 1958

Ab und an jedoch gab es zur Feier des Tages ein Brot vom «Tante Emma Lada», ansonsten wurde es selbst aus Mais gebacken. Es gab noch keinen Kühlschrank. Der «Kühlschrank» war ein Gewölbekeller mit Steinmauern ganz tief im Keller. Äpfel konnten ein halbes Jahr eingelagert werden und sie schmeckten im Frühling noch genauso gut wie im Herbst zuvor. Alles, was nicht gelagert werden konnte, wurde eingekocht und sterilisiert.

Obwohl der Zweite Weltkrieg Liechtenstein nicht direkt betraf, waren die Spannungen dennoch zu spüren, ebenso wurden die Lebensmittel knapp. «Meine Mutter hat zu Kriegszeiten meinen Freunden ab und an ein Maisbrot gemacht; sie verschenkte auch Milch und Butter – was Vater aber nicht freute, denn er hätte natürlich lieber eine Bezahlung gesehen und schimpfte dann mit meiner Mutter. Jahre später habe ich erst realisiert, was dies bedeutete, als ein ehemaliger Nachbar zu mir meinte: ‹Wusstest du schon, dass wir ohne deine Mama Hunger gelitten hätten? Wenn sie uns nicht ab und zu etwas geschenkt hätte, wären es noch härtere Zeiten gewesen.› Das war für mich sehr eindrücklich.»

Auf die Frage, was Nachhaltigkeit für sie bedeutet, sagt sie, dass sie nicht gerne Dinge verschwenden würde. Früher wurde alles wieder und wieder verwendet: Kleider wurden selbst genäht, angepasst, entwuchs man der Kleidung wurde der Saum verlängert: «Man hat zu dem, was man gehabt hat, einfach Sorge tragen müssen. Das bleibt in einem fest verankert.»

Balzers im Jahr 2020
Balzers im Jahr 2020

Wir wissen, wie es jetzt mit dem Thema Nachhaltigkeit steht und dass es Verbesserungspotential hat. In diesem Sinne war früher tatsächlich einiges besser für die Nachhaltigkeit, dies hatte jedoch auch ihren Preis, wie z.B. die Lebenserwartung.

Klar ist aber auch, dass sich seit der Industrialisierung einiges getan hat. Die Entwicklung der Welt ist nicht durch und durch schlecht, doch vielleicht blieb bei dieser schnellen Entwicklung die Sorgfalt zu der Umwelt auf der Strecke. Ein Neustart ist für die Menschheit im Moment, meiner Meinung nach, eher unvorstellbar, aber man könnte in kleinen Schritten versuchen, wieder mehr auf die Umwelt zu achten. In kleinen Schritten «back to the Roots».

Zu guter Letzt noch eine Frage: Marianne, wenn du der Jugend von heute einen Tipp geben würdest, bezüglich Nachhaltigkeit, was wäre das?

«Wir sind hier sehr privilegiert, das stimmt, aber wir sollten mehr Sorge tragen zu dem, was wir haben und dies auch wertschätzen.»

Wenn wir also mit Gegenständen, unseren Ressourcen, Naturalien, Kleider und so weiter sorgfältiger umgehen, so wie es früher aus Notwendigkeit getan wurde, das Bewusstsein wieder für den Wert und die Arbeit entdecken, die in allem steckt, dann könnten wir alle in kleinen Schritten beginnen, nachhaltiger zu leben.

Wenn uns das wieder bewusst wird, unterstützen wir künftig unsere Region dadurch, in dem wir zum Beispiel die Eier vom Bauern hier direkt kaufen. Möglichkeiten für Nachhaltigkeit ergeben sich überall. 

Der erste Schritt zur Nachhaltigkeit ist leichter als gedacht. Denn schlussendlich ist unsere Gesundheit und unsere Umwelt das kostbarste Gut, das wir hier auf der Welt haben. 

Marianne F. bei der Arbeit im Weinberg, begleitet von der Enkelin ca. 1996

Von Simone Bürzle

3 thoughts on “Granny Talk – Eine Generation packt aus

  1. Liebe Marianne, ja genau so war es, da kann ich nur beipflichten.
    Ja, es war anders, aber nicht besser, schulfrei hatten die Kinder zum im Haus, Feld und Stall helfen. Freizeit und Ferien waren Fremdwörter für die meisten. Lg. Tante Rita
    Geboren: 1945

  2. Hallo Simone gratuliere dir ganz herzlich zu dieser Arbeit. Das hast du super gemacht.
    Das mit den photos habe ich vermutlich falsch verstanden. Da hätte ich dir vermutlich sicher mit zwei behilflich sein können. Vielleicht einandermal.

  3. Danke, liebe Simone, dass du mich auf „Granny Talk“ aufmerksam gemacht hast. Stimmt absolut, das interessiert mich natürlich sehr und insbesondere auch, weil ich ja als Nachbar in der selben „Obergass“ mit Marianne aufgewachsen bin und diese Jahre als Jahrgang 1944 auch erlebt habe. Übrigens; ich gratuliere dir zu dieser interessanten Arbeit (Text und Bilder, einfach toll) und empfehle dir, in dieser Richtung weiterzumachen. Melde dich, wenn du aus meinem „Fundus“ etwas brauchen kannst. In diesem Sinne – Gruss und Dank. David

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